
Das Internet hat sich in den letzten Jahren rasant verändert – zu einem Netz, in dem jede/r schreiben, Fotos einstellen, Blogs betreiben und sich in großen Communities wie „studiVZ“ oder „facebook“ einbringen kann. Und das dient nicht nur der Unterhaltung. Gewerkschaften und betrieblich Aktive entdecken mit Blogs und in Social Communities den politischen Nutzwert des "Web 2.0".
Im Oktober 2008 kündigte der WAZ-Medienkonzern Einsparungen von 30 Millionen Euro und einen Abbau von 300 Arbeitsplätzen an – eine Umstrukturierung mit massiven Auswirkungen für die Beschäftigten und die gesamte Presselandschaft in Nordrhein-Westfalen. Für die Deutsche Journalisten Union (dju) in ver.di und den Deutschen Journalisten Verband (DJV) stand fest: Massive Maßnahme erfordern innovative Gegenmaßnahmen, um die Öffentlichkeit zu informieren. In Kooperation stellten dju und DJV deshalb das Protestblog „medienmoral NRW“ auf die Beine. Mit großem Erfolg, wie der dju-Landesvorsitzende von NRW, Frank Biermann, resümiert: „Die Beteiligung aus allen Beschäftigtengruppen des Konzern ist sehr groß, mit Pressemitteilungen wären wir nicht so weit gekommen.“
Den Betreibern des Blogs war von Anfang an wichtig, dass alle Beiträge kommentiert werden und alle User ihre Meinung mit einbringen können. Auch die Unternehmensleitung hat die Vorgänge auf dem Protestblog genau verfolgt, weiß Biermann: „Die Kommunikationsstrategie mit einem Blog war auch für den Arbeitgeber neu.“
"Große Verantwortung der Macher"
Ähnlich dürfte es den Besitzern des Müllentsorgers Alba gehen: Im Alba-Blog schildert ver.di seit Anfang 2009 Arbeitsbedingungen und Geschäftspraktiken des Unternehmens. Bernd Steinmann, Leiter der ver.di-Internetredaktion und Betreiber des Alba-Blogs, erläutert: „Mit dem Blog wollen wir hinter die Kulissen schauen.“ Der Grund für die Aktivitäten: Die Brüder Axel und Eric Schweitzer haben sich in den vergangenen Jahren ein Müllimperium zusammengekauft – nicht selten ohne Rücksicht auf Arbeitnehmerrechte und Tariflöhne. Das Blog macht diese Arbeitsbedingungen öffentlich. Alle Beschäftigten können ihre Probleme im Blog anonym schildern. In zahlreichen Kommentaren der NutzerInnen wird klar, wie das Unternehmen funktioniert. So klagt ein User: „An unserem Standort arbeiten wir sieben Tage die Woche, es gibt nur ein ganzes Wochenende pro Monat frei. Der Stundenlohn liegt bei 7 Euro.“ Bernd Steinmann sieht Blogs als eine „interessante Variante, um Menschen zu informieren und ihnen die Chance zu geben, ihre Sorgen öffentlich zu machen.“ Allerdings setze das eine große Verantwortung der Blog-Betreiber voraus. Ein Blog müsse permanent beobachtet und moderiert werden, um Verstößen gegen geltendes Recht vorzubeugen, betont Steinmann.
Solidarität für Opel online
Auch die IG BCE kann bereits eine Reihe erfolgreicher Blog-Einsätze vorweisen, sagt Ulrike Börger, Chefin vom Dienst in der Internetredaktion der IG BCE. Ein Beispiel: der Conti-Blog, der die Auseinandersetzung beim Reifenhersteller in den letzten Monaten kritisch begleitet hat. Daneben möchte die IG BCE aber auch allen anderen engagierten Mitgliedern die Chance geben, sich im Internet darzustellen. „Mit Blogs wollen wir aktiven Arbeitskreisen und Fachgruppen in den Regionen eine Möglichkeit geben, Inhalte zu kommunizieren und Stellung zu bestimmten Themen zu beziehen.“
Eine weitere Form öffentlichen Protestes gegen Standortschließungen und schlechte Arbeitsbedingungen entwickelt sich in den „Social Communities“. Bei „wer-kennt-wen“, einer der größten deutschen Online-Gemeinschaften mit 6,1 Millionen Nutzern, haben sich über 9000 Mitglieder in der Gruppe „Solidarität für Opel“ zusammengeschlossen, um sich mit den Opelanern solidarisch zu zeigen. Gleiches gilt für den bedrohten Coca-Cola-Standort Kaiserlautern – in einer Solidaritätsgruppe sind über 4000 Menschen Mitglied. Diese Beispiele zeigen: Web-2.0-Elemente können eine Ergänzung gewerkschaftlicher Kommunikation sein, um Vorgänge in Unternehmen transparent zu machen oder Beschäftigte zu vernetzen.
Blogs: Der Begriff „Blog“ ist die Abkürzung des englischen Begriffs „Weblog“ und bedeutet sinngemäß übersetzt „Internet-Tagebuch“. Es gibt verschiedene Arten von Blogs, so zum Beispiel Watch-Blogs („Beobachtungsblogs“) oder Protest-Blogs, die Unternehmen, Medien oder politische Akteure kritisch unter die Lupe nehmen.
Social Communities: Online- Plattformen, bei denen sich NutzerInnen eigene Profile (Porträts) anlegen und diese mit den Profilen anderer NutzerInnen vernetzen können.
Blogs und Social Communities gelten als zwei der Säulen des „Web 2.0“ – der neuen Internet-Generation, in der sich die NutzerInnen direkt einbringen können. Ohne detaillierte Vorkenntnisse können Inhalte wie Texte, Fotos und Videos selbst ins Netz gestellt, Beiträge geschrieben oder Texte anderer kommentiert werden. Zu den größten Social Communities in Deutschland zählen „studiVZ“ mit 13 Millionen, „stayfriends“ mit sieben Millionen und „wer-kenntwen“ mit 6,1 Millionen Mitgliedern. Blogs sind – im Gegensatz zu den Social Communities – in Deutschland noch nicht so weit verbreitet wie zum Beispiel in den USA.
Online seit: 05.06.2009
Aus: einblick 10/2009 vom 08.06.2009
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